LeopardCMS logo
Sie sind hier: Internet für Blinde

Internet und Intranet für Blinde


(von Sascha Nitsch)
Bei meinen Gesprächen mit Unternehmern und Behördenvertretern über einen barrierefreien Zugang für Blinde und Sehbehinderte zu deren Internet- und Intranetseiten wurde ich schon häufig gefragt:
"Wie? Internet für Blinde? Geht das überhaupt?".

Ja, es geht. Und es ist ein Markt.
Und es gibt eine rechtliche Verpflichtung.
Und eine ethische ohnehin.

Blindenarbeitsplatz

Der Markt



Nahezu 200.000 Blinde und rund eine halbe Million Sehbehinderte alleine in Deutschland sind bisher ein weißer Fleck auf den Marketingkarten der meisten Unternehmen. Aber diese Menschen können im Internet surfen und sich dort für Angebote interessieren. Und Sie tun es! Man weiß, dass Behinderte das Internet häufiger und intensiver nutzen als Nichtbehinderte. Es ist für sie eine besonders wertvolle Informationsquelle,da Ihnen durch Ihre Behinderung andere Informationsquellen nicht oder nur erschwert zugänglich sind. Für viele ersetzt das Internet den Schaufensterbummel geradezu zwangsläufig.
Gerade Blinde sind besonders auf für sie zugängliches Internet angewiesen, da für sie vieles, das für Normalsichtige tägliche Selbstverständlichkeit ist, durch das Internet erst möglich wird.

Leider sind aber noch immer die meisten Webseiten für Blinde genauso wenig brauchbar wie ein gedrucktes Branchenbuch oder ein bunter Versandhauskatalog.

Im Intranet werden Blinde durch barrierefreie Seiten nicht mehr von dieser ständig wichtiger werdenden Quelle der Unternehmenskommunikation ausgeschlossen.

Mit gut gemachten, barrierefreien Intranetseiten ergeben sich sogar neue Arbeitsplatzmöglichkeiten für Blinde und Sehbehinderte.

Die rechtliche Verpflichtung und die ethische Verantwortung



Was den meisten von uns als Selbstverständlichkeit erscheint, wurde erst 1996 in Artikel 3 des Grundgesetzes ausdrücklich festgelegt:
"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden". Obwohl diese grundgesetzliche Forderung schon existiert hat, bevor dem Internet in Deutschland eine bedeutende Rolle zukam, hat sich kaum ein Unternehmen und nur wenige Behörden um diese rechtliche Vorgabe gekümmert. Auch deswegen folgten im Frühjahr 2002 das Behindertengleichstellungsgesetz und kurz darauf die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung zum Behindertengleichstellungsgesetz.

Die Informationstechnik-Verordnung gilt zwar derzeit nur für Einrichtungen des Bundes, doch haben auch einige Länder mit eigenen Bestimmungen bereits nachgezogen. Andere Länder arbeiten an entsprechenden Verordnungen. Mittelfristig werden wohl nur private Homepages von den Anforderungen an einen barrierefreien Zugang nicht betroffen sein, denn für die Unternehmen besteht schon jetzt die Verpflichtung, mit anerkannten Blindenverbänden zielgerichtete Verhandlungen zur Barrierefreiheit zu führen, wenn sie von diesen Verbänden dazu aufgefordert werden.

Es ist also auch für Unternehmen nicht nur eine Frage der Markteinschätzung und eine Frage, wie eine sich auch an ethischen Werten orientierende "Visitenkarte" im Netz zum Selbstverständnis des Unternehmens passt, sondern eine rechtliche Verpflichtung, der sie sich stellen müssen, wenn die Verbände es von ihnen fordern. Das wird zu einem deutlichen Kostenproblem für viele Unternehmen führen, denn die barrierefreien Webseiten müssen nicht nur erstellt, sondern auch dauerhaft barrierefrei gehalten werden. Dadurch kommt es nicht nur zu einer einmaligen Belastung, vielmehr werden durch Pflege und Wartung die zusätzlichen Kosten zum Dauerthema.
Weshalb sich soziale Einrichtungen, Kirchen und Wohlfahrtsverbände angesichts der sozialen und ethischen Verantwortung, zu der sie sich bekennen, bisher mit barrierefreien Internetzugängen so schwer tun, bleibt wohl deren Geheimnis.

In anderen Ländern, insbesondere den USA, sind die gesetzlichen Vorschriften schon seit Jahren in Kraft und werden dort wesentlich schärfer kontrolliert und Verstöße sanktioniert. International operierende Unternehmen müssen deshalb auch mit Abmahnungen und Klagen durch amerikanischer Behörden, amerikanische Verbraucherverbände und Anwaltskanzleien rechnen. Wer das ausufernde amerikanische Schadensersatzrecht kennt, kann deshalb wohl kaum noch ruhig schlafen.
Dabei kommt es nach Meinung von Juristen nicht darauf an, wo das Unternehmen seinen Sitz hat oder wo der Server steht, sondern darauf, wo die umworbene Kundenzielgruppe sitzt. Ein in Deutschland ansässiges Unternehmen mit Kunden in den USA setzt sich daher durchaus erheblichen Prozessrisiken aus. Man kann sich diese Rechtslage leicht verdeutlichen, wenn man sich einmal den umgekehrten Fall vorstellt. Die deutsche Justiz würde einem ausländischen Unternehmen auch nicht erlauben, gegen deutsches Recht zu verstoßen, nur weil es seinen Sitz im Ausland hat oder sein Rechenzentrum dort betreibt. Und ein deutsches Unternehmen kann sich den rechtlichen Bestimmungen auch nicht einfach dadurch entziehen, dass es seinen Webserver in Uruguay hosten lässt.

Wie es funktioniert



Grundsätzlich müssen alle sachlichen Inhalte der Internetseiten in Textform vorliegen. Es dürfen keine Informationen ausschließlich in Bildern, Flash-Animationen, Multimedia-Kurzfilmen oder ähnlichen Darstellungsformen enthalten sein. Des weiteren muss eine Internetseite auch ohne installierte Zusatzprogramme (z.B. Flash oder Java), deaktivierten Cookies und deaktiviertem JavaScript funktionieren. Wer gegen diese Regeln verstößt, riskiert im besten Falle potentielle Kunden zu verlieren, im schlechten Falle eine ziemlich teure Klage.
Ein häufiger Irrtum ist der Glaube, barrierefreie Seiten sind zwangsläufig einfache, langweilige und schlichte Seiten. Es ist durchaus mit den aktuellen Standards und Browsern möglich, Seiten zu gestalten, die sich in ihrem optischen Erscheinungsbild von "nicht barrierefreien Seiten" nicht unterscheiden. Diese barrierefreien Seiten haben sogar einige technische Vorteile gegenüber herkömmlichen Seiten:
Sie haben in der Regel eine deutlich kleinere Dateigröße, erzeugen dadurch weniger Traffic und sparen alleine dadurch Kosten ein.
Barrierefreien Seiten sind intern einfacher aufgebaut und dadurch besser zu ändern und zu pflegen. Die gesamte Layout-Definition liegt in einer zentralen einheitlichen Beschreibungsdatei. Sollen Designelemente verändert werden, z.B die Schriftgröße, muss nur diese eine Datei geändert werden, nicht jede einzelne Seite.

Bei einem Relauch einer Internetseite bzw. bei der Ersterstellung sollte deshalb von Anfang an auf Barrierefreiheit geachtet werden.

Sollen in einem Internetauftritt externe Systeme, z.B. Shoppinglösungen, Content Management Systeme, Foren oder ähnliche Software eingesetzt werden, sollten diejenigen Anbieter gewählt werden, die ausschließlich barrierefreie Seiten erzeugen. Ein Nachrüsten ist oft nicht möglich oder nur mit sehr hohem Aufwand realisierbar.

Ein einfacher Qualitätstest ist oft, einfach mal zu überprüfen, ob die Homepages der in Frage kommenden Anbieter den aktuellen Standard XHTML1.0 entsprechen. Dies kann einfach über den Webdienst des W3 Konsortiums erfolgen. Dazu ist die Adresse der Homepage in das Eingabefeld "Address" auf "http://validator.w3.org" einzugeben (z.B. http://www.w3.org) und auf "Validate URI" zu drücken. In der darauf folgenden Seiten in der Überschrift sollte "This Page Is Valid XHTML 1.0 Strict!" stehen. Falls Fehler angezeigt oder ein anderer Standard angezeigt wird, entspricht die Seite nicht den empfohlenen, aktuellen Standards.
Anmerkung: Es wird bei diesem Test NUR die Startseite geprüft, alle Angaben beziehen sich deshalb NUR auf eine Seite, nicht auf den gesamten Internetauftritt.

Fazit



Alle Einrichtungen des Bundes und viele Einrichtungen der Länder müssen Ihre Internetseiten barrierefrei gestalten. Die anderen Einrichtungen der Länder und der Kommunen werden es bald müssen.

Bei international operierenden Unternehmen, deren Website nicht barrierefrei ist, tickt wegen der drohenden Prozeßrisiken eine Zeitbombe.

Ausschließlich in Deutschland tätige Unternehmen können sich noch so lange zurücklehnen, bis der Anruf eines anerkannten Blindenverbandes kommt. Wenn sie in den rund 700000 Blinden und Sehbehinderten allerdings potentielle Kunden sehen, sollten sie keine Zeit verlieren.

Denjenigen Vereinen, Verbänden, Kirchen und sozialen Einrichtungen, die sich dem Thema bisher kaum oder gar nicht genähert haben, sei dies als Nachlässigkeit oder Unkenntnis zugestanden. Schön ist es aber nicht.

Es ist mühselig, Internetseiten barrierefrei zu gestalten. Noch mühseliger ist es, sie barrierefrei zu erhalten. Aber es geht. Und es muss sein.

Sascha Nitsch
barrierefrei@leopardcms.de.
www.leopardcms.de
.